Magst du auch lieber hören als selbst lesen?

Hier lese ich dir diesen Artikel vor!

Mit diesem Beitrag möchte ich heute gerne ein neues Label ins Leben rufen, und zwar „Aus der Praxis…“ Hier sollen künftig Einblicke in meine Arbeit Platz finden, über die du eine erste Idee von den Möglichkeiten bekommen kannst, wie ich in der Praxis mit Mensch & Tier arbeite.

Eine der wichtigsten Grundlagen hierfür ist für mich ja die Annahme, dass Krankheiten nichts Böses sind, was uns schicksalhaft trifft. Im Gegenteil, das was uns passiert – und da gehören Krankheiten natürlich mit dazu – hat eine Aussage, eine Botschaft, die es zu verstehen gilt. Und ganz egal für welche Therapie wir uns schlussendlich entscheiden – also ob Naturheilkunde oder aber Schulmedizin… der KONFLIKT, der hinter der zu behandelnden Erkrankung liegt muss gelöst werden, damit Heilung möglich ist. Das habe ich an unterschiedlichen Stellen ja nun schon mehrfach erwähnt.

Heute möchte ich dir einmal an einem Beispiel verdeutlichen, wie man sich das dann vorstellen kann, wie ich an einen solchen Fall herangehe.

Da es sich hierbei um meinen eigenen Hund handelt, habe ich natürlich besonders viele Hintergrundinformationen und kann dir an diesem Fall die Zusammenhänge gut aufzeigen. Dann wollen wir mal…

 

Das Anliegen: Hilfe! Mein Hund erbricht sich!

Genau wie bei allen Anliegen geht es für mich natürlich auch bei meinen eigenen Tieren zunächst einmal darum herauszufinden, wofür sich der Patient bzw. Patientenbesitzer eine Lösung wünscht. Was führt ihn zu mir? In diesem Fall ganz einfach: Der Hund erbricht sich immer wieder scheinbar grundlos.

Einige grundlegende Dinge versuche ich in der Anamnese wenn irgend möglich immer herauszufinden:

 

1. Was genau ist das Symptom oder Problem?
Es beginnt mit unkontrollierten reflexartigen Schluckbewegungen die ganz schnell aufeinander folgen. Nach einiger Zeit wird daraus ein heftiges Husten mit Würgen und schließlich der zunächst vergebliche Versuch zu erbrechen. Der Hund läuft aufgeregt umher, winselt, sein Herz rast. Er hat offensichtlich Angst und möchte in den Garten, wo er versucht Gras zu fressen.

 

2. Was hat sich ereignet als oder kurz bevor es aufgetreten ist?
„Eigentlich nichts“. Naja, zumindest antwortet das anfangs beinahe jeder, dem ich diese Frage stelle. 😉 Meist kommen wir erst im Laufe des Gesprächs auf eine Art roten Faden, an dem sich dann Aussagen wie „ah, ja jetzt wo du es sagst… doch da war…“ aufreihen. In diesem konkreten Fall finden sich da zwei wichtige Punkte an besagtem roten Faden: Erstens weiß ich nun, dass die Mutter des Hundes vor genau einer Woche eine große Operation an der Blase hatte. Diese verlief nicht ganz komplikationslos und musste notfallmäßig zwei Tage später wiederholt werden. Selbstredend, dass sie sich davon jetzt erst mal wieder erholen muss. Zweitens weiß ich, dass mein Hund – er ist vor 3 Wochen 5 Jahre alt geworden – „seltsamerweise“ JEDES Jahr an seinem Geburtstag, oder einige wenige Tage davor oder danach, genau dieses Symptom des Würgens und teilweise vergeblichen Erbrechens hatte. „Seltsame“ Dinge sind ganz besonders wertvoll für den roten Faden, den wir suchen. Und auch wenn Dinge immer wieder zu einem bestimmten Datum auftreten lässt mich das hellhörig werden. Damit wären wir beim nächsten Punkt…

 

3. Wann ist das Symptom zum ersten Mal aufgetreten? Und was war damals?
An seinem ersten Geburtstag und danach, wie gesagt, in jedem Jahr am bzw. um den Geburtstag herum. In diesem Jahr lagen nun drei Wochen zwischen dem Geburtstag und diesem „Anfall“. Dennoch lässt mich das nach Zusammenhängen mit seiner Geburt suchen. Und ja, auch da gibt es etwas Besonderes. Als er und seine Geschwister am 9. November 2007 zur Welt kamen war alles in bester Ordnung. Zwei Tage später brach seine Mama plötzlich zusammen. Sie hatte unter der Geburt wohl eine Verletzung der Blase erlitten und musste sofort operiert werden. Es war für einige Tage nicht klar, ob sie überleben würde.

Die Aufstellung

Mit dem Wissen um diese Zusammenhänge habe ich nicht lange gezögert und direkt aufgestellt. Da ich alleine war, habe ich hierfür sogenannte „Bodenanker“, also beschriftete Zettel verwendet.

Zunächst hatte ich die Position für meinen Hund gestellt und mich darauf eingefühlt. Es war klar spürbar: Da ist Panik! Dass Angst mit im Spiel sein muss, lag für mich auch schon wegen des Herzrasens und dem aufgeregten Umherlaufen nahe. Ich schrieb also auf einen weiteren Zettel „Angst“ und suchte hierfür einen Platz. Stellvertretend für das von mir vermutete Trauma während bzw. nach der Geburt suchte ich für den Zettel „Geburt“ ebenfalls einen Platz im System. Die Ausgangssituation sah dann folgendermaßen aus:

 

Aus der Praxis: Aufstellung Schritt 1

Die Pfeile markieren die Blickrichtung. Weil alle Elemente dieses Systems in eine Richtung „schauten“, habe ich mich natürlich gefragt, was in dieser Richtung wohl hingehört. Probehalber schrieb ich „Mama“ für die Mutter des Hundes auf einen Zettel und suchte einen Platz im System:

 

Aus der Praxis: Aufstellung Schritt 2

Beinahe augenblicklich kamen mir auf dem Platz meines Hundes die Tränen, die Aufmerksamkeit war sofort auf den Platz von „Mama“ gerichtet und es wurde klar: Ich hab Angst um dich! Ich will nicht, dass du gehst!!! Wieder stieg Panik auf. Beim Einfühlen auf dem Platz der Mama ein erstaunlich ähnliches Gefühl! Auch sie schaute in die selbe Richtung wie alle anderen. Da ich nun wusste, dass auch ihre Geburt und die letzte Zeit der Trächtigkeit alles andere als harmonisch verlaufen war, suchte ich nun noch einen weiteren Platz für ihre Mutter – aus der Sicht meines Hundes die „Oma“:

 

Aus der Praxis: Aufstellung Schritt 3

Ich fühlte mich auf dem Platz der „Oma“ ein. Und da war es: Die pure Verzweiflung, Atemnot, Herzrasen, heftiges Schlucken, Würgen, Husten… das Gefühl, als ob ich mich jeden Moment heftigst übergeben müsste. Vor lauter heftiger Gefühle auf diesem Platz wäre mir um ein Haar entgangen, dass mein Hund in dem Moment endlich erbrechen konnte und einmal den Magen auf unserem Wohnzimmerfußboden komplett entleerte. Nach kurzer Putzpause spürte ich mich nochmals in die einzelnen Positionen ein. Es schien, als würden die Themen „Angst“ und „Geburtstrauma“ in jede der drei Generationen passen und eventuell sogar noch weitere Generationen zurück reichen. Auf dem Platz meines Hundes, dem Platz seiner Mama und dem Platz seiner Oma passten Sätze wie „Mama, bitte geh nicht! Ich habe Angst, dass du gehst!“, die ich dann jeweils auch laut sagte. Das gehört zu den Grundlagen der systemischen Arbeit: Allein schon das „Anerkennen was ist“, die Wahrheit, die Gefühle etc. aussprechen und ihnen damit einen Platz geben kann unglaublich viel bewegen! Was sich in diesem Fall hier zeigte ist für Familiensysteme – und jaaa, auch Tiere haben ein Familiensystem, sozusagen ihre Herkunftsfamilie –  nichts Ungewöhnliches. Schwere Schicksale können sich über Generationen wiederholen! Das ist eine der vielen Möglichkeiten, wie Mitglieder eines Systems ihre Zugehörigkeit zu diesem leben und sichern. Dazu aber mal an anderer Stelle mehr…

Nach dem Aussprechen dieser Sätze konnte ich im Augenwinkel bereits beobachten, dass mein Hund sich in die Nähe seiner Position in der Aufstellung legte. Er schluckte zwar immer mal wieder noch heftig kurz hintereinander, aber hustete und würgte nicht mehr ständig vergeblich. Da ich nun weiß, dass in traumatischen Situationen ein Teil der Seele, wie es die Schamanen nennen, „abgespalten“ wird und in diesem Trauma wie „hängen“ bleibt, beschloss ich ein kleines „Seelenrückholungs-Ritual“ für alle drei Hunde durchzuführen. Das würde nun zu weit führen, das in allen Details aufzuzeigen. Ich werde in einem der nächsten Blogeinträge noch einmal näher darauf eingehen.

Zu guter Letzt führte ich ein weiteres kleines Ritual durch, und zwar indem ich das identifizierte Thema hinter dem Symptom, nämlich das „Trauma rund um die Geburt“ und die „Angst“, mit einem Körbler Umkehrzeichen versehen mit in die Aufstellung hinein nahm. Und von der Oma angefangen über die Mama bis hin zu meinem Hund war dadurch ein Richtungswechsel möglich:

 

Aus der Praxis: Aufstellung Schritt 4

So war eine „Ordnung“ gefunden, die für alle drei stimmig und mit ganz viel Entspannung verbunden war. Statt der bisherigen Richtung, nämlich mit der Tendenz hinaus aus dem System, standen nun die früheren Generationen hinter den späteren. Dadurch kann die Energie eines Systems in die richtige Richtung fließen. An dem Punkt konnte ich die Aufstellung deshalb dann auch mit einem guten Gefühl beenden.

Ganz spannend war in diesem speziellen Fall nun natürlich, dass ich das Tier während der Aufstellung ständig beobachten konnte – anders als bei den Tieren für die ich zusammen mit ihren Besitzern in meiner Praxis aufstelle, denn die sind ja nicht live mit im Raum! Auf die Wirkung der Aufstellung hat das aber keinen Einfluss. Dennoch war es unglaublich zu sehen, was sich bei meinem Hund veränderte, je weiter die Aufstellung fortschritt. Zunächst kam er mehr zur Ruhe, konnte sich auch mal hinlegen. Dann gingen die Symptome langsam zurück, das Husten und vergebliche Würgen und nach einer Zeit auch der heftige unkontrollierte Schluckreflex. Nach der Aufstellung ging ich dann doch nochmal mit ihm in den Garten, wo er in aller Ruhe Pipi machte und sich dann genüsslich im Neuschnee wälzte. Als wir dann nach diesem nächtlichen Notfalleinsatz gegen vier Uhr wieder ins Schlafzimmer zurück kamen, wollte er schon wieder schwanzwedelnd sein Herrchen aufwecken, das – wie in jeder guten Familie – ÜBERHAUPT nichts von alledem mitbekommen hatte. 😉

 

Die homöopathische Mittelverordnung

Nun aber noch ein paar wenige Worte zu den homöopathischen Mitteln, die ich schon während der Aufstellung begonnen habe, meinem Hund im 5-Minuten-Takt zu geben. Das waren die beiden Mittel Aconit und Argentum nitricum.

Mit Aconit haben wir ein wundervolles Mittel und einen mächtigen Helfer in der Not. Aconitum napellus, so der volle Name des Mittels, ist für mich fast untrennbar mit Schreck, Schock, Panik und Todesangst verbunden und deshalb ein wertvoller Ersthelfer in heftigen Situationen, die mit Angst verbunden sind und plötzlich auftreten. Deshalb ist es für mich immer in der engeren Wahl, wenn es um Trauma oder Retraumatisierung geht.

Argentum nitricum, das Silbernitrat, ist für mich das Mittel für die Behandlung von Geburtstraumata. Es hat ebenso einen Bezug zu abgrundtiefer Angst und Panik und deckt, neben vielen weiteren in unserem Fall passenden Symptomen, z. B. das Gefühl eines Splitters im Hals bzw. das Strangulationsgefühl ab, welches ich in der Aufstellung wahrnehmen konnte.

Den Abstand zwischen den Gaben habe ich, als mein Hund begann sich zu entspannen und die Symptome mehr und mehr nachließen, immer weiter vergrößert. Heute – am Tag danach – habe ich ihm die beiden Mittel noch zweimal gegeben, als das heftige Schlucken sich noch einmal zeigte. Außerdem hat er heute das Mittel Carcinosinum bekommen, welches für mich eines der Mittel ist, die in Frage kommen, wenn sich in einer Aufstellung zeigt, dass ein Familienmitglied auf systemischer Ebene durch eigenes Leid, Krankheit, Verzicht oder gar den eigenen Tod quasi wie versucht ein anderes Familienmitglied zu „retten“.

Weil sich dieses Beispiel so gut eignet, um noch einige weitere Hintergründe und Arbeitstechniken zu erklären, habe ich beschlossen, daraus eine kleine „Serie“ zu machen.

Fortsetzung folgt… in einem der nächsten Blogeinträge!

 

Alles Liebe für dich!

Antje

Bilder auf dieser Seite (von oben nach unten und von links nach rechts):

Bild 1: © Daniela Jakob / f-wie-foto.com

Grafiken: © Antje May

Bild 2: © Daniela Jakob / f-wie-foto.com

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